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Eine Gattung?

 

Ist die Formation „Trio d´anches“ eine eigenständige Gattung wie ein „Streichquartett“ oder ein „Bläserquintett“?

 

Die französische Bezeichnung für ein „Rohrblatttrio“: „Trio d´anches“ steht heute in der Regel für die Besetzung Oboe, Klarinette, Fagott, meint aber im Grunde ein Trio von Holzblasinstrumenten, deren Klangerzeuger ein einfaches (wie z.B. bei Klarinetten) oder ein doppeltes (wie z.B. bei Oboe und Fagott) ist.

Es könnten somit auch alle anderen Rohrblattinstrumente (Saxophone, Englischhorn, Kontrafagott etc.) ein solches Rohrblatttrio, ein „Trio d´anches“ bilden. Selbst Schalmei, Krummhorn und Dulzian können sich zu einem Trio d´anches zusammenfinden.

 

Zur Namensgeschichte:

Der Name „Trio d´anches“ geht auf den Bassonisten F. Oubradous und sein „Trio d´anches de Paris“ zurück, welches ab 1920 in Paris zusammen mit dem „Trio René Daraux“ die Besetzung Oboe, Klarinette, Fagott

In den zwanziger Jahren befand sich das musikalische Paris in einer Art „kulturellen Revolution“; man wollte vom Impressionismus, von Debussy aber auch von Wagner weg, hin zu einer neuen, konkreten und klaren Musik.

Aber nicht nur die Komponisten waren auf der Suche, auch die Musiker und mit Ihnen die Musikinstrumentenbauer erfanden neue Instrumente und versuchten die vorhandenen zu verbessern.

Schon während des ganzen 19. Jahrhunderts war man auf der Suche nach einem neuen Klang für die Holzblasinstrumente, denn nach einer Blütezeit in Barock und Klassik (ca.1680- ca. 1800) hinkten die baulichen Entwicklungen von Oboe, Fagott und Flöte dem sich rapide verändernden musikalischem Geschmack hinterher.

Man mußte nun größere Konzertsäle füllen, harmonisch reiche Werke interpretieren, und in Tonarten spielen, die bis dato als unspielbar galten.

Um 1900 waren schließlich die Lösungen für diese Probleme gefunden:

die heute als „moderne Instrumente“ bezeichneten Oboen, Klarinetten und Fagotte waren geboren. Nunmehr waren die Instrumente nicht nur in der Lage die damals neue Musik zu spielen, sondern diese neuen Instrumente inspirierten sogar die Komponisten um neue Klangfarben und Musikstile erfinden (diese Entwicklung dauert bis heute an: Waren es zwischen 1970 und 1990 die Multiphonics, die Mehrklänge, welche die Komponisten animierte Stücke zu schreiben, so zeichnet sich ab, daß im Moment die Ausführbarkeit einer Achteltontonleiter an Einfluß gewinnt).

G. Gillet, der große französische Oboenpädagoge, schrieb 1906 in seinen, noch heute zum Standardrepertoire gehörenden, „Etudes“:

 

„Messieurs les Compositeurs qui voudront bien regarder mes études, pourront se rendre compte, en plus des difficultés et des traits obtenus sur le hautbois, que, grâce à de nouveaux doigtés, certaines notes et trilles, considérées jusqu´ici comme impossibles à faire, sont actuellement parfaitement exécutable.“

 

Alle Tonarten, alle Triller waren nun sauber zu spielen, die Holzblasinstrumente rückten in puncto Flexibilität und Virtuosität den Streichinstrumenten und dem Klavier näher. So verwundert es nicht, daß um 1920, als die jungen Komponisten die neuen Instrumente aufgriffen, um Neue Musik zu schreiben, eine sehr große Anzahl von französischen Werken für „Trio d´anches“ entstanden:

Die damals jungen und himmelsstürmenden Bozza, Ibert, Milhaud, Auric, Tomasi, Rivier, Sauget, Roussel, Durey, Poulenc schrieben neue Stücke, das „Trio d´anches de Paris“ und das „Trio René Daraux“ spielten sie und die Verlegerin Louise Dyer-Hanson verlegte sie in ihrem Verlag „l´oiseau lyre“.

 

Da die neuen Holzblasinstrumente zum großen Teil in Paris hergestellt wurden, und gleichzeitig eine ganze Generation junger französischer Komponisten (um dem „groupe des six“ und J. Cocteau) sich dieser Instrumente bediente, galt die Besetzung „Trio d´anches“ lange Zeit als „typisch französische“ Besetzung.

Diese Behauptung kann heute nicht mehr aufrecht erhalten werden: Zum einen haben sich ab 1950 sehr viele Komponisten aller Nationen der Besetzung „Trio d´anches“ zugewandt zum anderen muß man bedenken, daß der Name „Trio d´anches“ zwar eine relativ junge französische Erfindung ist, jedoch die Triobesetzung mit Rohrblattinstrumente auf eine lange, viele verschiedene Musikstile umfassende Tradition zurückblicken kann:

  • Die Besetzung zwei Oboen, Englischhorn in der Klassik (Beethoven)

  • Die Besetzung zwei Oboen und Fagott im Barock (Zelenka)

  • Die Consort-Musiken des englischen Frühbarocks (Jenkins, Locke, Purcell)

  • Die dreistimmige franco-flämische Liedkunst (Binchois, Dufay)

 

Diese lange Tradition und die vielen Meisterwerke würden eigentlich ausreichen, um dem „Trio d´anches“ den Rang einer eigenständigen Gattung zu verleihen.

Es sind aber die musikalischen Argumente die den eindeutigen Ausschlag geben:

In puncto Homogenität, Dynamik, Flexibilität und stilistischer Bandbreite ist ein „Trio d´anches“ einem Bläserquintett eindeutig überlegen und somit ebenfalls als Gattung anzusehen.

 

 

 


Copyright © 2000 Trio Lézard. Alle Rechte vorbehalten. Stand: 01.05.2006  

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